Tangokurs III

Ich hing in meinem Fallschirm. Während ich von den Atlantikstürmen hin und her geworfen wurde, ging es allerdings nur sehr langsam gen Erde. Als mich eine besonders starke Böe erfasste und meine Ohren vor Kälte taub werden ließ, hatte ich sogar das Gefühl, es ging eher wieder hinauf. Ein paar Lichter konnte ich unten erahnen, in die ich meine ganze Hoffnung legte, aber wenn ich ehrlich war, – es war in erster Linie dunkel und die Aussicht finster. Ob in der Tiefe tatsächlich die Azoren lagen? Der Kapitän hatte diese Information zwar als Letztes noch mit zitternder Stimme durch die Lautsprecher gegeben und uns Glück gewünscht. Doch womöglich hatte er nur die Panik an Bord in Schach halten und uns mit der Hoffnung auf die Inseln einen rettenden Strohhalm reichen wollen.
Ohne Irene war im Grunde eh alles relativ egal. Die Boeing hatte uns getrennt und sie mir im Sturzflug unbarmherzig aus den Armen gerissen. Als wir das mit ihrem verhedderten Fallschirm endlich in den Griff bekamen, erfasste sie eine der Tragflächen und ließ mir nicht die geringste Chance.
„Gib‘ die Hoffnung nicht auf“, rief ich ihr noch hinterher.
„Idiot!“ und ein gellender Schrei, der sich rasch in der Dunkelheit verlor, war Irenes Antwort. Sie hallte noch immer schmerzhaft in meinen Ohren nach.
„Spürst du jetzt endlich auch, was zwischen uns ist?“ Das hatte ich sie vor unserem Sprung noch gefragt, als wir uns an den Händen hielten.
„Ich merke, dass du mir gerade die Hand zerquetschst.“ Ihre Reaktion war nur die Angst vor Nähe, das hätte sich mit der Zeit gelegt.
Lichterloh brennende Flammen, die eine noch größere Rauchschwade nach sich zogen, rissen mich aus meinen schwermütigen Gedanken. Es musste ein herunterstürzendes Teil des Fliegers sein, denn das Symbol der Fluggesellschaft war unverkennbar. Der Anblick des Feuers war gigantisch. Die Flammen zuckten in gleißendem Hellgelb, das durch die gesamte Farbskala in einem dunklen Lavarot mündete und mein Gesicht augenblicklich siedend heiß werden ließen. Das Schauspiel endete mit einem gewaltigen Aufklatschen auf der Meeresoberfläche. Das Feuer versiegte relativ schnell, doch der Rauch hielt sich leider hartnäckig und erschwerte das Atmen. Wieder von Dunkelheit umgeben, blieb mir keine Orientierung mehr.
Es fühlte sich so an, als hätte sich mein Sinkflug beschleunigt. Ich raste ins Bodenlose, während sich unbeherrschbare Angst in mir breit machte. Plötzlich prallte ich auf etwas auf. Mein Herz raste. Noch stärker, als mir klar wurde, dass es weiterhin schlug und nicht zerschmettert stillstand. Es war nicht die Wasseroberfläche, die ich eben durchdrungen hatte, denn ich spürte wieder festen Boden unter mir. Der Fallschirm sackte direkt über mir zusammen, was mir jede Möglichkeit nahm, etwas zu sehen. Doch ich brauchte ohnehin eine kleine Auszeit. Meine Beine schmerzten derart, als wären beide komplett zertrümmert. Ich wandte mich auf dem Boden wie ein Fußballer, dem gerade gehörig eine reingegrätscht worden war, robbte mich dann mühsam an den Rand des Fallschirms, befreite meinen Kopf und atmete tief durch.

Kriechend bewegte ich mich auf dem Boden vorwärts. In der Dunkelheit blitzte in regelmäßigen Abständen ein Licht auf. Ich vergaß einen Moment meine Schmerzen, als mir aufging, dass es sich um einen Leuchtturm handeln musste. Hoffnungsvoll rappelte ich mich hoch und bemerkte, dass ich tatsächlich noch gehen konnte, wenn auch ziemlich schleppend. Rechts waren hohe Berge zu erahnen, auf der anderen Seite eine Steilküste, was meine Landung umso glücklicher erschienen ließ. Den Leuchtturm hätte ich in der Nacht nicht mehr erreicht, so wie ich zu Fuß war. Stattdessen zog mich ein unbändiger Durst zum Meer. Ich schlidderte die Steilküste auf allen Vieren hinunter und haute mir an Geröll auch noch die Knie auf.
Am brausenden Ufer versuchte ich an Wasser kommen, ohne komplett durchnässt zu werden, indem ich auf allen Vieren meine Zunge in die Gischt hielt. Ungenießbar. Als ich prustend wieder hoch kam, konnte ich von weiter her im Schein des Leuchtturms irgendetwas erkennen: eine Gestalt, einen anderen Mensch. Mein Herz machte einen Sprung. Während ich beide Arme schwenkte, schien die Person auch mich zu sehen und auf mich zu zu kommen. Im wieder aufblitzenden Licht erkannte ich, dass der Mann ebenfalls winkte und etwas rief. Doch die Brandung schluckte seine Stimme. Er kam näher, rannte, stolperte, richtete sich wieder auf, schien zu fluchen und lief weiter in meine Richtung. Dann war es wieder zu dunkel, um Genaueres zu erkennen. Als der Turm wieder Licht gab, erkannte ich ihn: unseren Tanzlehrer. Meine Enttäuschung war grenzenlos. Doch sein ausgedünnter Pferdeschwanz war unverkennbar, auch, wenn jetzt vom Winde verweht und gehörig aus der Form geraten.
„Hast du es auch geschafft?“, keuchte er, als er vor mir stand. Selbst in dieser Situation, in der jede weitere Menschenseele einen Segen darstellte, war er mir zutiefst zuwider. Sein Hemd hing nass und traurig an ihm herunter, die hässlichen Slipper hatte er wohl eingebüßt, denn er war auf Socken unterwegs.
„Na, noch alles dran bei dir?“
Er grabbelte ungefragt an mir herum. Ich nickte nur, anstatt zu antworten.
„Hab‘ mich gerade ein bisschen umgesehen, Tango kannst du hier völlig vergessen. Hier gibts höchstens den Tanz auf dem Vulkan. Er gluckste hysterisch. „Die Azoren haben ja jede Menge davon. Aber ein Jammer, dass unsere Reise im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen ist. Meinen teurer Reiseführer kann ich wohl auch abschreiben…“
Unser Tanzlehrer war einfach geschmacklos. Während ich mich innerlich fragte, ob ich ohne Irene überhaupt weitermachen konnte und wie ich die zerfledderten Fäden meines Lebens wieder aufnehmen sollte, dachte dieser widerliche Glückspilz, dem Tode eben entwischt, nur an Banalitäten, – und sich selbst.
„Hast du dein Handy zufällig noch?“, fragte er doch tatsächlich.
„Tut mir leid, beim Absturz war ich so dumm nicht an mein Handgepäck zu denken.“
„Jetzt sei doch nicht so empfindlich. Traumatisiert, oder was? Mensch, Alter, wir leben noch!“
Er drehte sich jetzt mit einer imaginären Tanzpartnerin im Kreis und lachte wie ein Wahnsinniger. „Das muss gefeiert werden!“
Mir wurde heiß vor Wut, als ich ihn sein eigenes erbärmliches Dasein bejubeln sah.
„Erst hast du sie mir ausgespannt und als ich sie gerade zurückgewonnen hatte, da war es zu spät“, brach es aus mir heraus. „Ohne dich hätten wir wenigstens eine gemeinsame Zeit gehabt.“
„Von wem sprichst du? Etwa von Irene?“
„Natürlich.“ Ich schluchzte auf.
„Die Kleine…, ist schade drum. Aber das war doch nichts Ernstes, sie war nur eine von vielen, die mich anhimmeln.“
Ich saß jetzt auf den Knien und hatte meine Hände verzweifelt in den Sand gegraben.
„Du weißt doch, wie das ist. Bist du eine Koryphäe, macht dich das unglaublich attraktiv.“
Ich erhob mich und ging langsam auf unseren Tanzlehrer zu.
„Und wenn du dann noch Lehrer bist, da wirst du fast unwiderstehlich. Da hängen die Frauen an deinen Lippen und kurz darauf an dir.“ Er lachte, als hätte er den Witz des Jahrhunderts gerissen.
„Du, du A…“
„Aua!“
Mit einem Sprung hatte ich ihm einen Schlag auf die Brust versetzt. Er fiel um wie ein Baum.
„Ist es mit der Geschmeidigkeit so schnell vorbei?“
„Du spinnst ja.“ Er rappelte sich hoch und klopfte den Sand von seinen Hosenbeinen. „Die Hose war echt teuer“, sagte er fußaufstampfend. „Und eins will ich dir dazu noch sagen. Irene, die hat grundsätzlich nicht viel anbrennen lassen. Du hättest sie mal im Kurs letztes Jahr sehen sollen. Da war ein geschiedener Arzt in der Gruppe…“
Als ich wieder vor ihm stand, musste ich so blutrünstige Augen gehabt haben, dass er sofort rückwärts ging. Erst Schritt für Schritt, dann schneller – und ich hinterher.
„Den hat sie jede Woche mit ihrem roten Stretch-Kleid bezirzt. Hat alle Register gezogen.“
„Du hast doch gleich in der ersten Tanzstunden gemerkt, dass zwischen uns die Funken sprühten und dann systematisch einen Keil zwischen Irene und mich getrieben. Und das unter dem Deckmantel des Tangos“, unterbrach ich unseren Tanzlehrer.
„Ahh!“ Er schrie, als ich ihn am Zopf erwischte und zu Fall brachte.
Wir lagen jetzt beide am Boden, ich jedoch oben.
„Hör sofort auf!“, keuchte er. „Posttraumatischer Reaktion, oder was? Die Fluggesellschaft wird dir eine Therapie zahlen. Die kriegen dich wieder hin.“
Ich japste vor Wut.
„Ja, so ist es gut, atme den Schmerz heraus. Und schrei‘ mal richtig!“
„MISTKERL!“ Als ich das Wort hinausschrie, geriet ich in einen Zustand, den viele wohl als das sprichwörtliche Rotsehen bezeichnet hätten. Nicht, dass mir die Welt tatsächlich in diese Farbe getaucht erschien. Abgesehen davon, war es für farbliche Feinheiten ohnehin noch zu dunkel. Doch ich war wie ferngesteuert. Etwas formte sich in meinem Gesicht zu unterschiedlichen zornigen Fratzen, brachte meinen Mund dazu, jede Menge unflätige Ausdrücke auszuspeien und ballte meine Hände zu Fäusten, die sich verselbständigten und wenig Gnade kannten.
„Gewalt ist doch keine Lösung.“ Unser Tanzlehrer winselte mal wieder eine politisch korrekte Aussage, obwohl er schon ziemlich mitgenommen aussah.
„Das wollen wir doch erst mal sehen…“ Ich packte ihn noch fester, bis er es ihm gelang, sich hinterlistig zu befreien. Unser Ringkampf wurde jetzt ausgeglichener und ich hatte meine Mühe. An der Art seiner Atmung bemerkte ich, dass er sich nicht nur verteidigte oder schützte. Auch unser Tanzlehrer war mittlerweile von Rage getrieben, was mich mit Genugtuung erfüllte.
„Die hat dich doch eh nicht gewollt.“
„Und dich erst recht nicht, du Blender.“
„Hendrik, du musst einfach einsehen, dass du…“
„Dass ich was?“
„Dass du.. Du..“ Er keuchte.
„Was denn nun?“ War er war nicht einmal zu einem einfachen Wortgefecht in der Lage? Ich unterbrach meine Attacken und wartete auf seinem Bauch sitzend, die Arme vor der Brust verschränkt, auf Antwort.
„Dass du einfach kein Frauentyp bist.“
Das reichte. Mit aller Wucht stopfte ich ihm eine Handvoll Sand in den Mund.
Erst war Ruhe und unser Tanzlehrer wirkte, als würde er gleich ersticken. Dann hustete er sich mühselig wieder frei und sagte frech: „Im Gegensatz zu mir.“
Nachdem ich eben beinahe Mitleid entwickelt hatte, wälzten wir uns jetzt wieder im Sand, – mal war ich, mal er oben. Mit Irene wäre das eine erregende Sache gewesen, aber das Stöhnen unseres Tanzlehrers zog mich ins Vorzimmer der Hölle und sein schlechter Atem gab mir den Rest. Es musste das Thunfischsandwisch mit Zwiebelringen während des Zwischenstopps in London gewesen sein.

Wir hatten uns langsam dem Ufer genähert. Erst spürte ich nur, dass meine Füße nass wurden, im nächsten Augenblick war ich schon knietief im Wasser. Es war saukalt.
„Ich habe sie geliebt. Allein ihre Hand beim Tanzen zu halten, war alles für mich.“ Als ich das gesagt hatte, drückte unser Tanzlehrer meinen Kopf unter Wasser. Ich stemmte mich kraftvoll dagegen, um es ihm gleich zu tun. Unsere Rangelei gewann wieder an Tempo, wahrscheinlich in dem Maße, wie der Sauerstoff knapper wurde.
„Frieden. Ich kann nicht mehr“, schnaufte er schließlich, als ich in den Wellen plötzlich einen weiteren Kopf sah, umrandet von einer orangenen Schwimmweste, so grell, dass sie selbst in der Morgendämmerung die Augen reizte.
„Irene, was machst du denn hier?“ Er richtete seinen Zopf. „Das Schicksal ist ein Scherzkeks. Dass wir uns noch mal sehen…“
„Kann mir bitte mal jemand aus dem Wasser helfen, anstatt mich nur anzuglotzen?“
In der Tat war ich wie paralysiert und stand einfach da, während mir das Wasser bis zum Bauch reichte und mit jedem Wellengang bis zum Hals hinauf floss. Die Kälte spürte ich schon gar nicht mehr, nur mein Bibbern ließ darauf schließen.
Unser Tanzlehrer wollte gerade auf Irene zuschwimmen, da wurde er von einer Welle weggerissen und verschwand.
Wir starrten eine ganze Weile auf die unruhige Wasseroberfläche.
„Oh Gott, wo ist er?“
Ich zuckte nur mit den Schultern und hatte das Gefühl, eine Erscheinung zu haben. Irene konnte doch nur eine Fata Morgana sein.
„Tu doch was!“
Sie fuchtelte suchend, doch wenig effektiv mit beiden Händen unter der Wasseroberfläche umher.
„Irene, vergiss‘ den Idioten, den vermisst kein Mensch. Wir sollten jetzt versuchen den Leuchtturm zu erreichen, uns warme Socken leihen, die deutsche Botschaft kontaktieren und schnellstmöglich heiraten.“ Ich watete vorwärts durch das Wasser, in der Hoffnung, wir würden uns gleich um den Hals fallen und leidenschaftlich küssen.
Unser Tanzlehrer tauchte mit einem walrossähnlichen Geräusch wieder auf.
„Hoppla. Scheiß Strudel hier, das hätte auch schiefgehen können.“
Irene paddelte wie ein Hund auf ihn zu.
„Komm‘, wir gehen.“ Mit diesen Worten nahm er Irene bei der Hand, hob sie am Ufer hoch und trug sie wie eine Braut über die Schwelle aus dem Wasser.
Sie gluckste vor Vergnügen, als hätte sie die letzten apokalyptischen Stunden bereits mühelos hinter sich gelassen, ich prustete, da mir das Salzwasser nun bis in den Mund gestiegen war. „Aber Irene“, rief ich noch, „das kannst du doch nicht machen.“ Als ich an Land gehastet war, hing mir der Seetang bis in die Haare.
Die beiden waren längst weiter gegangen, Irene drehte sich noch nicht einmal mehr um. Gemeinsam in ihre Schwimmweste gezwängt, wärmten sie einander und gingen der aufgehenden Sonne entgegen, welche die Küste in ein zauberhaftes hellrosa Licht tauchte. Bald waren sie nur noch von weitem zu erkennen.
Frustriert schaute ich auf meine Füße. Das Leder meiner Tanzschuhe war vollkommen hinüber. Ich zerrte sie mir von den Füßen und warf sie ins Meer. Als ich ihnen sinnbildlich beim Untergehen zuschauen wollte, sah ich etwas auf der Oberfläche. Es kam langsam näher, war aber noch nicht zu erkennen. Ein Wrackteil des Flugzeuges, das uns ins Unglück gerissen hatte? Nach der nächsten Welle konnte ich einen Menschen erahnen, der auf etwas saß und mit den Armen paddelte. Die Person trug eine Uniform. Hatte der Pilot etwa auch überlebt? Nein, es war eher eine Frau. Gebannt blickte ich aufs Meer. Konnte es eine der feschen Stewardessen sein, genauer gesagt die eine, von der ich in der Gangway so auffallend nett angelächelt worden war? Jetzt hatte sie mich auch erkannt. Das Winken wurde vehementer und so auffordernd, dass ich freiwillig zurück ins Wasser ging und wieder bis zur Hüfte im Nass stand.
„Hier bin ich“, schrie ich. Die Dame hockte im Schneidersitz auf einem grünen Rollkoffer und ruderte mit beiden Armen Richtung Ufer. Ich musste dreimal heftig blinzeln und mir die Augen reiben, denn im Näherkommen entpuppte sich die Gestalt als Miniaturfigur, die in einer Art Nussschale saß. Dann schloss ich meine Augen, um sie ganz vorsichtig wieder zu öffnen, – auf alles gefasst. Vielleicht hatte mir tatsächlich der posttraumatische Stress etwas in den Blick gestreut, denn einige Wellen weiter zeigte sich, dass meine Wahrnehmung ziemlich falsch lag. Mir wurde eine riesige Flasche Champagner in die Arme gespült wurde, ein 54er Jahrgang, wie das verwaschene Etikett zeigte. Der Perlwein stammte vermutlich aus einem der Trolleys im Flieger, die eigentlich der Business Class vorbehalten waren.
Die Sonne stand jetzt höher am Himmel und wärmte trotz des Windes erstaunlich. Schließlich doch noch mit etwas Edlem in den Händen, war ich an Land gegangen, über den Strand und weiter hinauf auf eine der Dünen. Hier saß ich und schaute auf das unruhige Meer, das weit und breit kein Schiff zeigte.
„Was soll‘s“, murmelte ich und ließ den Korken knallen.
Ich fühlte mich vollkommen allein, so allein, dass ich Zweifel hatte, ob sich überhaupt ein Gefühl von Einsamkeit lohnte. Die Brandung, der Horizont, die ganze Insel lag mir in ihrer Schönheit zu Füßen. Vielleicht hatte sie nur auf mich gewartet. Als ich die Flasche zu einem guten Teil geleert und mich zum wohlverdienten Dösen hintenüber abgelegt hatte, unterbrach das Geräusch eines langsam näher kommenden Helikopters meine Träume. In dem Moment wusste ich, dass das Schicksal die Karten gerade neu mischte und ich als Nächster am Zug sein würde. Doch vorher nahm ich noch einen großen Schluck Champagner.

Tangokurs I
Tangokurs II
 

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Prolog

Lisa schleppte sich gebeugt zur Haustür, griff kraftlos den Rahmen und blinzelte mit halb geschlossenen Lidern in den Himmel. Brausender Wind schlug ihr entgegen, nahm ihr fast den Atem. Lisa drohte vornüber zu gehen, bis zwei zitternde Schritte vorwärts sie wieder auffingen. Das Tageslicht blendete unerträglich. Sie hielt sich eine Hand vor die Augen, sackte auf die Knie und fiel mit dem Oberkörper, wie ein gefällter Baumstamm, auf die Erde, – das Gesicht voran. Ein Knirschen in den Schneidezähnen verhieß nichts Gutes. Lisa hatte das Gefühl, ihr Kopf wollte zerspringen. Seine festen und flüssigen Anteile drängten fontänenartig nach draußen, als suchten sie an allen Öffnungen einen rettenden Ausweg aus der quälenden Enge. Für so viel Schmerz schien nicht genug Platz in einem einzigen Schädel zu sein. Auf dem Boden kauernd, spürte sie, dass die Erde wie durch polternde Schritte erbebte und sich zu drehen begann. „So helfe Sie mir, verdammi nochmol!“, jammerte eine Frauenstimme von sehr weit her. Schwankend hob Lisa ihren Oberkörper und suchte in Zeitlupentempo das Krächzen, während die Welt um sie herum Pirouetten tanzte. Sie schluckte und hatte den Geschmack von Blut im Mund. In dem zunächst undefinierbaren Wirbel aus Eindrücken, der auf sie einstürzten, bemerkte Lisa auf einmal, dass sie nicht die Einzige war, die es auf den Boden dahingestreckt hatte. Überall versuchten gekrümmte Gestalten erfolglos ihre Arme, Beine und Köpfe anzuheben, um gleich wieder zusammen zu sacken, in einem kollektiven Wimmern und Stöhnen. Ein Schlachtfeld. Wie blitzschnell wachsende Pilze erhoben sich die Häupter, wie geköpft fielen sie wieder nach unten. Ein bösartig dreinschauender Zwerg sprang von Kopf zu Kopf und hielt sich lachend seinen Bauch. Als er den letzten Pilz erreicht und zu Fall gebracht hatte, zeigte er mit dem Finger direkt auf Lisa, – daran gab es keinen Zweifel. Sie brach verängstigt ein, keuchte gequält, doch es gelang ihr, sich wieder aufzubäumen. Diesmal auf alle Viere. In einer Pfütze sah Lisa dabei die Spiegelung von grell-blauem, blinkendem Licht. Das Kichern des Zwerges wurde lauter und eindringlicher, bis andere Geräusche sich darunter mischten und Lisa hörte, wie lautes Sirenendröhnen überhand nahm. Sie rollte sich auf den Rücken, hatte aber keine Kraft, sich die Ohren zuzuhalten. Der Gnom hatte von ihr abgelassen und tanzte inzwischen lachend durch das Pfützenwasser. Aber umso beißender drang der Lärm in Lisas Kopf. Plötzlich erschien etwas Dunkles über ihr, das alles umschloss. Ein totaler Bildausfall. Kein Rauschen, kein verzerrtes Bild im Schneegestöber, kein roter Punkt von Standby, – aber Frieden. Sekundenlang. Eine Vielzahl von Händen rüttelte danach an ihr und schüttelte ihren Körper durch. Während sie nicht mehr atmen konnte, wurden ihr die Kleider runter gerissen und etwas Eiskaltes auf die Brust geschmettert. Mit einem gigantischen Knall, der sie etliche Zentimeter hochzutreiben schien, öffnete Lisa wieder die Augen und hörte, wie jemand aus der Ferne rief: „Grund Güdiger, so helfe Sie mir doch“. Der Zwerg kicherte noch immer.

 

 (Auszug aus einer noch unvollendeten Arbeit)

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Überraschung des Todes

Eben noch hatte ich durch meine geschlossenen Lider in die vergrämten Gesichter meiner Familie geschaut, während sie mich mühselig in mein dunkles Grab hinabließen. Da öffneten sich meine Augen ungeheuerlicher Weise wieder und schauten einen gänzlich fremden Ort.

Der Raum war lichtdurchflutet, dabei wie durchschimmernd, – vollkommen anders als unser dunkles Bauernhaus. An beinahe allen Seiten befanden sich riesige Fenster. Eine Weile stand ich wie gebannt einfach da. Dann sah ich mich um und näherte mich vorsichtig einem der Fenster. Mit klopfendem Herzen wagte ich hinauszuschauen. Der Ausblick ließ mich jedoch bald wieder zurückweichen. Er hatte mich in eine tiefe, ziehende Schlucht gestürzt, die ich niemals auch nur zu erahnen imstande gewesen wäre. Schwindelig griff ich nach einem Stuhl hinter mir, der sich sogleich – wie von Teufelshand – zu drehen begann. Als er sich verlangsamte, setzte ich mich nieder. Ich hielt mir den Kopf und versuchte fieberhaft zu begreifen, wo ich mich befand und was geschehen war. In der Tiefe hatte ich eine breite Straße erblickt, die von einer unendlich wirkenden Reihe riesiger, kastiger Gebäude gesäumt wurde. Obendrein bewegte sich dort, dicht gedrängt, eine Vielzahl fremdartige Fahrzeuge, die von oben wie kleine, gelbe Käfer anmuteten. Es schien mir unfassbar, dass diese Dinge auf der Welt, wie ich sie kannte, hervorgebracht worden waren. Mir kam eine vergangene Zeit in den Sinn, in der ich als Junge an sternenklaren Abenden nach oben in den Himmel geschaut hatte. Mutter hatte mich oft gemahnt, endlich ins warme Haus zu kommen. Aber ich hatte nicht vermocht, mich von dieser unendlichen Weite und meinen Gedanken, ob irgendwo in der Unendlichkeit auf einem der strahlenden Himmelskörper ebenfalls Menschen leben könnten, loszureißen. Jetzt war mir, als befände ich mich an einem solchen Ort.

Plötzlich schreckte ich auf. Ein schrilles, wiederkehrendes Geräusch, das von einem kleinen Ding ausging, riss mich aus meinen Gedanken. Ich fühlte mich merkwürdig aufgefordert, ohne zu wissen, zu was. Neben dem tönenden Etwas fiel mir jetzt ein seltsamer, leuchtender Kasten auf, auf welchem ein sich rasch bewegendes Bild doch tatsächlich eine Herde von Hausschweinen zeigte, welche über ein Firmament lief, – nein flog. Diese Tiere stellten für mich den ersten wieder vertrauten Anblick dar. Aber mein Unbehagen wurde nur noch größer und die verwirrende Fremdheit dieses Ortes umso unausweichlicher. Ich nahm einen kleinen, rechteckigen Gegenstand auf und drückte auf eine Art Knopf, der mich, rot leuchtend, wie magnetisch anzog. Ein lautes Rattern ertönte. Eine weiße Front schloss nun alle Fenster. Der Raum wurde schummrig und wirkte noch karger, lebloser. Beklommen und gleichzeitig fasziniert, drückte ich wiederholt auf den Gegenstand. Erst langsam und scheinbar gezielt, dann schneller, wahllos, – schließlich wie toll. Der Schweiß trat mir aus allen Poren. Ein durchdringendes Heulen wurde jetzt vernehmbar. Aufgelöst hastete ich umher und betastete hilfesuchend etwas, das einem Schrank glich. Aber ich erblickte in der spiegelnden Oberfläche lediglich meine eigenen furchterregten Augen. Neben dem Schrank sah ich jetzt eine Tür, den Ausgang. Die Klinke war zum Greifen nah, aber ich wagte nicht, sie hinunter zu drücken.
Plötzlich sprang die Tür mit einem lauten Poltern auf und zwei Männer, die eigentümlich uniformiert waren, stürzten auf mich zu.
„Wie sind Sie in dieses Büro gekommen? Hatten Sie einen Termin?“, schrie man mich an.
„Ich…, ich weiß es nicht“, antwortete ich in höchster Erregung.
„Wer hat hier den Überfalltaster betätigt?“
„Was meinen Sie, Mister?“, fragte ich.
„Das ist doch so ein religiöser Spinner, der hier herumirrt und missioniert. Guck dir doch nur mal den altmodischen Aufzug an. Der will zurück auf die Bäume und uns gleich mitnehmen“, sagte einer der Männer spöttisch.
„Na, dann werden wir Ihnen mal helfen!“ Mit grobem, festem Griff zwang er meine Arme auf den Rücken und geleitete mich unsanft aus dem Raum. Im Flur befand sich eine tuschelnde Menschenansammlung, die mich argwöhnisch musterte, während der Mann mich über den Flur schubste. Das Herz schlug mir bis zum Halse, mein Puls

pochte in den Schläfen. Abrupt, wie von fremder Hand geleitet, versetzte ich ihm nun einen gewaltigen Hieb. Er begann zu schreien und lockerte dann seinen Griff. Ich befreite mich blitzartig aus der Gewalt des Mannes, um kopflos davonzurennen. Lange Flure entlang, die zunehmend verwinkelter wirkten sowie Treppen hinab, die kein Ende zu nehmen schienen. Ich vernahm, dass donnernde Schritte mir folgten und hastete noch schneller. Keuchend erreichte ich endlich eine Halle, die den rettenden Ausgang aus diesem Teufelshaus erkennen ließ, den ich derart entschlossen ansteuerte, dass ich beinahe einen Herrn zu Fall brachte. Blindwütiges, unverständliches Geschrei war hinter mir zu hören. Ich stützte hinaus, lief weiter, gehetzt und ziellos durch unbekannte Straßen und versuchte auszublenden, was ich dort sah, um nicht den Verstand zu verlieren. Immer wieder drehte ich mich dabei suchend um. Nachdem ich mir gänzlich erschöpft sicher war, dass man meine Verfolgung aufgegeben hatte, fragte ich eine freundliche dreinschauende Dame atemlos: „Wo bin ich hier, Madam?“
„In der 42nd Street. Ist Ihnen nicht wohl?“
„Was sagen Sie?“, fragte ich verwirrt.
„In Manhattan, natürlich.“

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Laubhaftiger

Ein teuflisch heißer Sommer, – wieder nicht.
Auch im Juli Jacke tragen,
Trübsal blasen,
während der Regen laubhaftig auf den Balkon peitscht,
bar jeder Einsicht.

Wird es endlich sommrig,
reißen wir leibhastig unsere Kleider fort.
Alles klebt auf der Haut,
mieft,
die Sonne brennt, nimmt unsere Schläfen schmerzend in ihre Hitzezwinge.
Mücken stechen, wunderbar,
Hundebar – ein Trog Wasser zu unseren stolpernden Barfüßen.
Alles ächzt! Sommerlast.
Ab an die Bar…

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Geschehen lassen

In warmes Licht ist der Raum getaucht,
die leise Musik trägt meine Sehnsucht fort.
Wohin ich auch wartend blicke, nur dich erahne ich,
bis du zu mir eilst.

Wir stoßen an mit unseren Gläsern,
der Wein stimmt ergeben.
Gedankenverwoben, umsponnen von dir,
geht ein Tropfen verloren,
der einsam von meinen Lippen hinunter rinnt.
Du fängst ihn wieder ein und benetzt deinen Mund.

Verloren blicke ich zu mir.
Ein rettender Versuch, in meinen inneren Spiegel zu schauen.
Doch ich sehe nur dich
und eine Schlucht heimatlosen Glücks.
Ein Glück, das ich trunken geschehen lasse.

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Weihnachtswusel

Der Mond steht recht
und staunt nicht schlecht,
wie viele Lichter funkeln,
am schönsten spät im Dunkeln.
Weihnachtliche Lieder ertönen,
die schrill in jedem Ohre dröhnen.
Die dichten Massen
sind kaum zu fassen.
Doch der Duft von Leckereien
lässt verstummen alle Meckereien.
Der Glühwein dampft,
während alles mampft.
Süßes und Fettiges
und oben drauf noch Speckiges.
Holger nimmt den achten Punsch
und Moni zieht schon einen Flunsch.
Er gibt ihr torkelnd einen Kuss,
kurz darauf ist jedoch Schluss.
Am großen, stacheligen Weihnachtsbaum
verhakt sich Friedas Rock am Saum.
Sie zerrt sich rempelnd frei, bis Holger wankt zu Boden,
sein Kopf zeigt dabei just nach oben.
Nun fällt es auf, da steht was in der Enge,
ein lauter Schrei geht durch die Menge.
Ein schwarzer Koffer, heimatlos,
im Nu ist gleich der Teufel los.
Scharfschützen zücken ihr Gewehr,
von hinten folgt auch schon das Heer.
Der Weihnachtsmann zieht seinen Bart herunter,
die wenigsten wirken jetzt noch munter.

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Hasenfuß

Nahe einer großen Wiese brachte eine Kaninchenmutter in ihrem Bau drei Jungen zur Welt. Die kleinen Kaninchen wuchsen in der versteckten, sicheren Erdhöhle langsam heran. Das Kleinste unter ihnen wurde Hasenfuß genannt. Hasenfuß kuschelte sich am liebsten eng an das Fell seiner Mutter und wärmte sich an ihrem weichen Bauch.

Es kam der Tag, an dem die Jungen groß genug geworden waren, um auf der Blumenwiese vor dem Bau zu spielen. Die gesamte Kaninchenfamilie hatte sich versammelt, um die drei zu begleiten. Aber Hasenfuß verkroch sich blitzschnell unter dem Bauch seiner Mutter. Nur sein linkes Ohr lugte noch hervor. Die Großmutter machte ihm Mut, aber Hasenfuß rief nur:
„Nein, nein, ich will nicht raus,
ich bleibe lieber noch zu Haus‘.“
Die Geschwister von Hasenfuß tollten schon draußen umher und spielten Fangen. Er konnte sie toben und lachen hören.

Der Frühling war gekommen. Hasenfuß saß noch immer tagein tagaus im Bau.
Zu seiner Mama sagte er immer wieder:
„Nein, nein, ich will nicht raus,
ich bleibe lieber noch zu Haus‘.“

Eines Morgens näherte sich Hasenfuß doch dem Eingang der Höhle und blinzelte vorsichtig hinaus. Zum ersten Mal sah er jetzt die Sonne und schnupperte den Duft von Gräsern. Hasenfuß konnte seine Beinchen kaum noch stillhalten, aber flüsterte:
„Nein, nein, ich will nicht raus,
ich bleibe lieber noch zu Haus‘“.
Seine Geschwister spielten schon auf der Wiese. Sie entdeckten plötzlich seine Nasenspitze, die sich immer weiter aus dem Bau hervorwagte. Die beiden reichten ihm ihre Pfote und liefen nun zu dritt auf die Wiese. Hasenfuß spürte die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Fell. Er tobte umher und schlug vor Freude wilde Haken.

Abends, als Hasenfuß müde in den Bau zurückgehoppelt war, strich ihm seine Mama sanft über den Kopf. Glücklich schlummerte er ein und träumte davon, am nächsten Tag wieder über die Blumenwiese zu tollen.

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Gabelung

„Der Mensch trägt selbst die Kosten für alles, und darum ist er letztendlich frei!“ Maxim Gorki


Aus der Entfernung ist nicht zu erkennen, ob es ein Mann ist oder eine Frau. Der Mensch, auf den wir zufahren, steht an der Landstraße im Nieselregen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Daumen herausgestreckt. Ich verlangsame unseren Kombi. Meine Frau, die ahnt, dass ich geneigt bin anzuhalten, winkt sofort ab. Ich beschleunige, aber irgendetwas begehrt in mir auf, – der Kunstrasen des lieben Friedens will angehoben und die darunterliegende Erde zu ihrem Grund hin aufgepflügt werden.
„Man ist frei!“, denkt es in mir, bis ich den Wagen stoppe.
Ein Mann steigt auf den Rücksitz. Wir fahren weiter. Unsere Blicke treffen sich im Rückspiegel unentwegt, – bald bedrohlich. Er holt eine 9Millimeter hervor, die er meiner Frau an die Schläfe presst. Um ihn aufzuhalten, forciere ich einen Unfall. Er zahlt es mir im Straßengraben durch harte Schläge heim. Mit dem Geschmack von Blut im Mund wird die Welt um mich herum schwarz.

Meine Frau habe ich nicht wieder gesehen. Für alles, was geschehen ist, bezahle ich bitter. Sie sollte von den Suchtrupps nie gefunden werden. Eine banale Entscheidung, die ich selbst gefällt habe, hat mir an diesem Nachmittag die Welt bedeutet. Sie wird mich bis zu meinem Ende begleiten.

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Für die Katz‘

Kastrierte Kater sind manchmal zu vertrauensvoll. Als Marie Kleinherz, das neue Kindermädchen der Hubers, welches eben die nörgelnden und gegen die Sitze tretenden Kinder zum Tennis kutschiert hatte, die Einfahrt zum Haus hochbretterte, hob das Tier nur langsam und träge den Kopf. Es war die Sekunde, bevor Caesar das heiße Gummi der Reifen sengend auf seinem Rücken spürte, der in seiner eleganten Wölbung sofort einbrach und wie verdampfte. Der animalische Schrei blieb ungehört, er versiegte im dröhnenden Motorengeheule. Die Fahrerin registrierte auch den kaum merklichen Widerstand nicht und fuhr rasant in die Garage. Pfeifend und gut gelaunt, da ihr eine längere Pause von Dolli und Moritz vergönnt war, stieg sie aus dem Jeep und näherte sich arglos der Einfahrt, bis sie abrupt stehen blieb. Da lag etwas auf dem Kiesweg, ein dunkler Haufen, pelzig, aber vor allem blutig, mit herausquellenden Eingeweiden. Es war der geliebte fette Kater der Familie, überfahren, zermalmt, niedergewalzt – und das von ihr. Ziellos lief sie umher und wisperte immer wieder „oh Gott! Nein! Hilfe! Das kann einfach nicht wahr sein!“

Das Kindermädchen schaute nervös von links nach rechts, um sich unbeobachtet zu wissen und packte den Kadaver an der Schwanzspitze, der einzigen Stelle, die nicht blutüberströmt war. Im Garten beim Kompost wurde das Tier abgeworfen. Dann eilte sie ins Haus, holte Putzzeug und schrubbte den blutbesudelten Kies. Das Blut verteilte sich jedoch mehr, als dass es verschwand. Im Gegenteil, es schien sich immer weiter auszubreiten. Marie wurde heiß und kalt zugleich.
Der Nachbar von rechts, Mr. Meyer, näherte sich mit seinem Hund dem Geschehen.
„Schönen Tag, Miss.“
Benno, sein neugieriger Mischling, richtete bereits interessiert die Ohren auf, begann jaulend an der Leine zu ziehen und aufdringlich zu wittern.
„Wünsche ich Ihnen auch“, antwortete sie, schob in Windeseile eine Mülltonne vor den Blutteppich und gab vor, diese zu reinigen.
„Benno, was hast du nur? Nun komm‘ endlich weiter“, ermahnte Mr. Meyer das lechzende Tier und zerrte es weiter. Marie sammelte den roten Kies in eine Tüte ein. Es offenbarte sich eine erstaunlich große Lücke im Bodenbelag. Sie fuhr den Jeep vor die Einfahrt und musste feststellen, dass sich auch am Wagen jede Menge Blut befand, das bis auf den Boden der Garage getropft war. Das Kindermädchen schob die kaschierende Mülltonne vor das Loch, fuhr zu einem nahe gelegenen unbewohnten Grundstück, sammelte dort gehetzt frischen Kies ein, raste zurück, parkte das Auto am Straßenrand und räumte die Mülltonne wieder beiseite. Geduckt und vor neugierigen Blicken geschützt, wurde das Kiesloch auf allen Vieren gestopft. Nun ging es weiter in die Garage, um den blutverschmierten Boden zu bearbeiten. Vergeblich. Miss Kleinherz griff aus Verzweiflung zu einem dort herumstehenden Farbtopf und warf ihn mit aller Wucht auf das Blut, das sich erst in einem zweiten Anlauf annähernd weiß färbte. Es hätte sich unschwer um ein Versehen handeln können. Marie fuhr den Wagen zurück in die Einfahrt und übergoss die Todesspuren mit Chlorreiniger. Die Verunreinigungen verschwanden diesmal mühelos, aber auch große Teile des Lacks. Sie rannte ins Haus und holte ihren schwarzen Nagellack, um die Lackschäden provisorisch auszubessern.

Auf Caesars Kadaver setzten sich unterdessen erste Fliegen ab, die weitere anlockten, welche das Aas in der bereits tiefer stehenden Sonne umkreisten und unablässig an ihm nippten. Marie fuhr erneut zum unbewohnten Grundstück und versteckte dort den blutigen Kies. Dabei entdeckte sie etwas Herumstreifendes. Sie schlich sich an das Tier heran, packte zu und sperrte die wehrhafte, tobende Katze in den Kofferraum.

Zurück bei den Hubers, betäubte Marie das Tier mit den Ausdünstungen von Spiritus.
„Kann ich Ihnen helfen, Miss?“, fragte Mr. Meyer langsam und eindringlich, der gerade den Müll entsorgte und einen misstrauischen Zug entwickelt hatte.
„Danke, alles bestens!“
Mr. Meyer ging nur zögernd weiter. Die bewusstlose Katze wurde auf schnellstem Wege ins Haus geschafft. Sie sah dem verendeten, dunklen und sehr üppigem Caesar nur schwerlich ähnlich, nicht zuletzt, da ihr Fell etliche weiße Flecken aufwies. Aber die Zeit drängte. Miss Kleinherz übergoss die hellen Stellen hastig mit ihrem bereits bemühten Nagellack, der allmählich zur Neige ging.

Kurz darauf hörte man Familie Huber die Auffahrt hinauf brausen. Die Katze war aus ihrem Koma erwacht und torkelte mit hängender Zunge aus dem Haus heraus, ihr Fell stand wie gegelt igelartig ab. Mr. Huber erklomm schwungvoll den Kiesweg, bis der Wagen genau an der besagten Stelle stecken blieb. Die Vorderräder drehten durch und verloren mit jeder Umdrehung mehr an Bodenhaftung. Der Kies wurde dabei fontänenartig in alle Himmelsrichtungen geschleudert und prasselte dabei auch auf Mr. Meyer nieder, der sich wieder neugierig vor dem Haus herumtrieb. Das Loch war rasch wieder freigelegt und zeigte jetzt eine erstaunliche Tiefe. Mr. Huber kurbelte energisch das Fenster herunter, wobei sein Blick auf die taumelnde Katze fiel. Marie stockte der Atem. Die Kinder sprangen aus dem Auto und versuchten die herumfliegenden Steine aufzufangen, bevor sie begannen, sich mit ihnen gegenseitig zu bewerfen. Dolli jagte Moritz unter Dauerbeschuss in den Garten.
Der Familienvater schaltete den Motor aus, öffnete langsam die Wagentür und sprang mit einem großen Satz über den inzwischen riesig wirkenden Krater zu Marie herüber. „Was ist mit der Katze passiert und warum läuft das Tier aus unserem Haus?“
„Äh, ich weiß nicht, Mr. Huber, sie…“
„Was haben Sie mit dem Tier gemacht?“, unterbrach er sie mit eindringlicher, hypnotischer Stimme.
Dem Kindermädchen blieb die Luft weg. Mr. Huber kam immer näher, schaute sie furchteinflößend an und schien ihr allein mit seinen Blicken die Luft abzuschnüren. Ein unerträglicher Druck lag jetzt auf ihrem Brustkorb. Moritz kam aus dem Garten gerannt und hielt Caesar am Schwanz in die Höhe. Der Kater war durch die eingetretene Totenstarre steif wie ein Brett, das Maul dabei verkrampft weit geöffnet.
„Dad, sieh‘ nur! Ich glaube, er ist tot!“
Mr. Huber berührte sein kaltes Fell. Er trat mit schmerzlich verzogener Miene wieder direkt vor Marie, hob seine großen Pranken, legte sie um ihren Hals und drückte diesen fest zusammen. Seine Fingernägel fühlten sich wie Säbel an, die augenblicklich ihre Hauptschlagader anritzen und sie ebenso innerlich auslaufen lassen würden, wie es Caesar widerfahren war. Marie versuchte erfolglos gegen diesen Widerstand zu schlucken und schloss schicksalsergeben ihre Augen, um sie gleich wieder hilfesuchend zu öffnen. In ihrem Blickfeld tauchte plötzlich der Kater auf, direkt auf ihrem Brustkorb liegend, friedlich schnurrend, seine Krallen leicht ausgefahren. Sie lag auf ihrem Bett, der Wecker auf dem Nachtschrank stand auf kurz vor Sieben und würde gleich klingeln. Sie drückte Caesar an sich, strich ihm über das schwarze Fell, das weich und warm war und einfach herrlich duftete.

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Freibier

Ohne Freibier wäre das alles anders gelaufen. Es war einer jener Abende, an dem man schnell ahnen konnte, dass er noch kippen würde. Er hatte wirklich das Zeug dazu. Die eigene Umlaufbahn verzweigte sich mit jedem Zentiliter Bier labyrinthartig mit der der anderen. Man verhedderte sich unmerklich, aber umso hoffnungsloser, bis es nicht einmal mehr einen Notausgang gab. Währenddessen wurde viel gelacht, doch wer es vermochte, sah dahinter das schmerzverzehrte Gesicht der Eitelkeit. Aber ich will nichts vorwegnehmen.

Ich saß mit Holger – einem absoluten Partybiest – in unserem Stammladen, in dem es zur Feier des Tages Freibier gab. Nach einer Weile ging die wunderbare Moni grußlos an uns vorüber, an ihrer Seite eine Freundin, die mir auf den ersten Blick schon seltsam vorkam. In ihren Augen lag etwas Stechendes, Herausforderndes. Adrenalin überfiel mich. Mein Problem war, dass ich bereits seit Jahren hinter Moni her war, aber einfach nicht an sie herankam. Mehr als ein bisschen Smalltalk hatte die Schmachterei nie eingebracht.
„Bist du etwa immer noch scharf auf sie?“, fragte Holger direkt, der meine hochschießende Nervosität gespürt haben musste.
Ich druckste herum, ohne richtig zu antworten und holte am Tresen die nächste Runde Bier, wo ich mich für einen Moment träumend im verheißungsvollen Funkeln des goldenen Zapfhahns verlor. Als ich wieder zu unserem Tisch zurückging, sah ich, dass mein bester Freund Moni, die sich gerade angeregt mit ihrer Freundin unterhielt, von oben bis unten taxierte, offensichtlich bemüht, ihren Blick zu erhaschen. Er stand auf, ging direkt auf die beiden zu und flüsterte Moni etwas ins Ohr, das schallendes Gelächter in ihr hervorrief. Dann zog Holger sie unvermittelt auf die Tanzfläche. Wirklich begeistert sah sie dabei allerdings nicht aus, sodass mir nicht klar wurde, ob sie ihn an- oder ausgelacht hatte. Nach ein paar steifen Drehungen trottete er schon wieder zurück, denn Moni war ihrer Wege gegangen.
Ich tat – innerlich kochend – unbeteiligt, um die Lage weiterhin ungestört beobachten zu können. Holger gab sich nach seinem mäßig erfolgreichen Tänzchen mit dem Freibier nicht mehr zufrieden und orderte jetzt Tequila Sunrise. Bei mir ging die Sonne gerade eher unter. Aber wenn sogar so banale Dinge wie Wein mit den Jahren immer besser würden, konnte ich das mit Sicherheit auch von mir selbst behaupten, dachte ich bei mir und stimmte mich darauf ein, noch einmal alles auf eine Karte zu setzen. Wie ein Greifvogel würde ich aus einer analytischen Übersicht den richtigen Moment abpassen und einfach zupacken. So einfach war das manchmal.

Leider stand mein bereits angesoffener Pegel in direkter Konkurrenz zur passenden Vorgehensweise in dieser Angelegenheit. Ich rappelte mich hoch, angetrieben von der genialen Idee, einzuklagen, dass Moni jetzt mit mir zu tanzen hatte. Ein probates Mittel. Da stand plötzlich Zuckerbiene Unterstrich 1972 von Easy Flirt dot com vor mir. Und das war keine gute Wendung. Nach einem krampfigen Date mit der Biene, an dessen Ende sie mir entgegen all meiner verbalen und non-verbalen Signale plump-vertraulich ihre klebrige Hand auf den Oberschenkel gelegt und mich verschlingend angelächelt hatte, war ich im Netz und auch in der Realität abgetaucht und hatte nie wieder von mir hören lassen. Aber Zuckerbiene Erika hatte ein gesundes Selbstbewusstsein und begann mich bereits mit rollenden Augen anzutanzen. Ich nahm Holger beiseite, der mir mit einem Gläschen Prosecco in der Hand selig lächelnd entgegen taumelte und versuchte, ihm die Dame schmackhaft zu machen, um bei Moni endlich freie Bahn zu haben. Sein Gesichtsausdruck ließ hoffen, dass er bereits ins Stadium der Wahllosigkeit hinübergetreten war.
„Die Blonde da vorne ist total heiß. Meinst du, die lässt sich anquatschen?“
Holger ging mir biertranig auf den Leim und schob mich „warte mal, das haben wir gleich“ lallend mit dem Ellenbogen beiseite. Obwohl er wirklich schon recht fertig war, robbte der besoffene Kerl sich mit Schweißringen bis zu den Ellenbogen an die Biene heran, die ihn um mindestens einen Kopf überragte. Inzwischen auch geringfügig verlangsamt, drehte ich mich am Tresen festgekrallt – Tunnelblick und Schwindel ausgleichend – im Kreis, in der Hoffnung, Moni endlich wieder zu finden. Sie stand allein und lässig an eine Säule gelehnt mitten im Raum und starrte ins Nichts. Ich holte mir ein weiteres der zahllosen Biere dieses Abends und strauchelte auf sie zu. Dann erzählte ich ihr wirklich essenzielle Dinge über das Leben und alles über ihr eigenes Wesen, das sie noch nicht wusste. Moni gähnte. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, wenn Menschen in unmittelbarer Nähe eines attraktiven Vertreters des anderen Geschlechts müde werden, handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um starkes, aber unterdrücktes Verlangen. Also nahm ich meinen ganzen Mut und verbliebenen Schwung zusammen und näherte mich mit meinen heißen Lippen Monis hinreißendem Mund, der mich schon jahrelang einladend anlächelte. Doch kurz bevor ich ihn in Verzückung endlich erreichen sollte, überfiel mich eine Beklemmung, ein zwingendes körperliches Unwohlsein. Ich drehte mit dem Kopf sofort ab, um Schlimmstes zu verhindern und eilte zur Damentoilette, – der Weg war kürzer. Dort rang ich aufgestützt auf das Waschbecken keuchend mit meinem Mageninhalt und stieß auf Holger, der sich gerade von Zuckerbiene 1972 mit Make-up überaus witzige Gesichter auf alle zehn Fingerkuppen zeichnen ließ und dabei prustend in ihr Dekolletee wieherte.

Als wirklich gar nichts mehr ging und ich würgend über der Kloschüssel hing, zog mich der erstaunlich schmächtig wirkende Türsteher des Ladens umso unsanfter hoch und entfernte mich wie einen lästigen Schädling einfach nach draußen auf den Bürgersteig. Dort krümmte ich mich erst unter heftigen Magenkrämpfen und versuchte mich dann schwankend wieder aufzurappeln. Die Straßenlaternen schienen auf mich zuzukommen, obwohl doch ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte, fast, als würde ich barfuß über heißen Sand gehen, unsicher, ob der nächste Schritt erträglich und Halt bieten würde. Alles war auf einmal doppelt vorhanden und schien auf mich einzustürzen. Auch die Häuser kamen mir in einer militärisch wirkenden Formation gefährlich nahe und starrten mich mit durch Rollos und Vorhänge zu Schlitzen verengten Fenstern bedrohlich an. Zudem meinte ich, hinter den Gardinen meine Mutter ausgemacht zu haben: eine zusätzliche, strafende Malträtierung. Ich hielt mir den Kopf. In diesem Moment traten meine Angebetete und ihre komische Freundin Rebecca doch tatsächlich kichernd, knutschend und sich ungestüm umarmend aus der Kneipe.

Moni griff ihr in die wilde Mähne, zog sie an sich heran und schien sie mehr einzusaugen als zu küssen. So wirkte es jedenfalls aus meiner Perspektive von unten, denn ich musste alle Viere nehmen, um überhaupt eine Chance zu haben. Mein Magen drehte sich erneut um und entleerte sich jetzt direkt vor ihren Füßen gänzlich und entsprechend geräuschvoll. Als ich mich wieder ein wenig gefangen hatte, hörte ich, wie Moni zu Rebecca „bäh, ist das ekelhaft“ sagte, die sich ihrerseits demonstrativ ihren Zinken zuhielt und mit nasaler Stimme herablassend „Männer…!“ rief und mich mit dem Fuß unsanft aus dem Weg stieß.
Danach erinnere ich mich an nichts mehr. Wie ich in dieser Nacht doch noch zu Hause angekommen bin, das weiß der Himmel.

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